14. September 2011 in Kategorie: Beruf
Zahnärzte, Mitarbeiter und Studierende der Zahnmedizin der Martin-Luther-Universität sowie niedergelassene Zahnärzte aus Halle/Saale starten in diesem Monat ein Entwicklungsprojekt in Tansania. Zusammen mit afrikanischen Kollegen soll zunächst in dem Ort Njombe ein System der zahnärztlichen Grundversorgung entstehen.
Das ostafrikanische Land Tansania wird in Europa vor allem mit Safaritourismus und dem Serengeti-Nationalpark in Verbindung gebracht. Die Schönheit der Landschaft und ihrer eindrucksvollen Tierwelt können vor allem die Touristen des Landes genießen, die Einheimischen haben mit existenziellen Problemen zu kämpfen und leiden an einer unzureichenden Gesundheitsversorgung. Generell ist die medizinische Versorgung mit europäischen Standards nicht zu vergleichen. Die technische bzw. apparative Ausstattung ist unzureichend und auch die hygienische Situation in medizinischen Versorgungseinrichtungen lässt zu wünschen übrig. Darüber hinaus gibt es nicht genügend medizinisch ausgebildetes Personal. Wie in vielen afrikanischen Staaten dieser Klimazone ist die Malaria ein großes Problem. HIV-Infektionen stellen eine weitere enorme Belastung für die Gesellschaft dar. Viele Kinder haben ihre Eltern durch das Virus verloren und müssen deshalb ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Kinderarbeit ist dadurch weit verbreitet. Aufgrund dieser vielfältigen Probleme, die das Land alleine nicht bewältigen kann, ist es auf ausländische Unterstützung gerade im medizinischen und zahnmedizinischen Bereich angewiesen. Das zahnmedizinische Team aus Halle an der Saale möchte mit dem Kooperationsprojekt, das ofziell Ende September beginnt, durch Prophylaxemaßnahmen in Kindergärten und Schulen, Kariesfrühdiagnostik, Hygienemaßnahmen und der Vermittlung zahnmedizinischen Wissens an Ärzte vor Ort sowie Instruktionen von Eltern und Lehrern, die Situation verbessern helfen.
Wie das Projekt entstand
Wie es zu dem Kooperationsprojekt in Tansania kam, erklärt Dr. med. dent. Tobias Bensel, der zum Projektteam gehört: „Am Beginn jeder Zusammenarbeit stehen meistens persönliche Kontakte. So auch hier. Bei der Suche nach einer Grundschule für meine Tochter lernte ich Frau Leiß, die Direktorin der evangelischen Grundschule Magdeburg, kennen. Diese Schule betreibt ein Partnerschaftsprojekt mit einer evangelischen Gemeinde in Njombe/ Tansania. Ich erfuhr, dass dort keine wirkliche zahnmedizinische Grundversorgung existiert. Es gab erste Gespräche und dann Kontakte vor Ort.“
„Sowohl ich als auch einige andere Projektbeteiligte hatten bereits an anderen Hilfsprojekten in afrikanischen Ländern teilgenommen. Die Planung und Organisation, die von Deutschland aus koordiniert wird, bedeutet eine große Herausforderung, insbesondere auch für den projektverantwortlichen Dr. med. dent. Christian Wegner, Oberarzt an der Universitätspoliklinik für Zahnärztliche Prothetik der Universität Halle-Wittenberg, der tagtäglich Ansprechpartner für Studenten und Sponsoren ist.“
Auch Ariane Grittern engagiert sich bei dem Projekt in Tansania. Sie und ihre Kollegen möchten langfristig dazu beitragen, dass vor Ort eine eigene zahnmedizinische Infrastruktur geschaffen wird: „Sie soll von uns mit Wissensweitergabe und von den Menschen vor Ort mit der Möglichkeit zur Hospitation von deutschen Studenten unterstützt werden.“
Vorteile auch für deutsche Unis
Die Zahnärztin sieht in solchen Hilfsprojekten auch für deutsche Universitäten Vorteile: „Studenten hierzulande wird die Möglichkeit geboten, die zahnmedizinische Versorgung in anderen Ländern kennenzulernen und wissenschaftlich zu vergleichen und zu erfassen.“ „Das Projekt in Tansania durchzuführen ist deshalb auch sinnvoll, weil das Land politisch einer der stabileren Staaten auf dem afrikanischen Kontinent ist. Zahnmedizinische Versorgung in akuten Krisengebieten macht eher wenig Sinn, da in solchen Gebieten medizinische Versorgung dem Überleben dient. Ein Kooperationsprojekt für Zahnärzte setzt also eine gewisse Infrastruktur voraus, um bei der Bevölkerung überhaupt Anklang zu finden.“ Die größte Herausforderung sagt Ariane Grittern sei bei der Umsetzung des Kooperationsprojekts die Langfristigkeit. „Sinnvoll ist eine Zusammenarbeit nur, wenn die Menschen vor Ort die Möglichkeit haben, von uns zu pro. tieren und unabhängig wirtschaftlich agieren zu können. Das setzt jedoch eine Grundsubstanz vor Ort voraus und auch ein steigendes Interesse der Bevölkerung an ihren Zähnen. Da es jedoch auch in Tansania sehr viel Armut gibt, haben die Menschen verständlicherweise andere Prioritäten. Weiterhin ist es natürlich von Bedeutung auch Studenten und Zahnärzte zu animieren Njombe zu besuchen und zu unterstützen.“
Frühzeitiger Zahnverlust
Mit Dr. Tobias Bensel konnte Ariane Grittern sich bereits bei einem Vorbereitungsbesuch im Februar dieses Jahres ein Bild vor Ort machen und sich über die Situation der Mundgesundheit bei Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Senioren in Njombe informieren. Dabei stellte das Team fest, dass die Mundgesundheit eher schlecht einzuschätzen ist: „Fast alle von uns untersuchten Kinder im Alter zwischen 4 bis 18 Jahren hatten im Vergleich zu deutschen Kindern häufiger kariöse Läsionen. Karies ist die Hauptursache für frühzeitigen Zahnverlust bei Kindern und Jugendlichen. Bei Erwachsenen und Senioren lassen sich zudem häufig orale Manifestationen von Infektionskrankheiten sehen und ein dramatischer frühzeitiger Zahnverlust. Dabei ist bemerkenswert, dass kaum Patienten in einem Alter über vierzig Jahren vorkommen. Somit ist die Relation zu den eigentlichen Senioren nicht gegeben“, erklärt Ariane Grittern.
„Generell scheint es in Njombe kaum die Möglichkeit zur Mundhygiene zu geben. Zahnbürsten sind nur in Daressalam und Dodoma zu kaufen und diese Städte sind mindestens eine Tagesreise entfernt. Man kann also in Njombe sehen, wie sich der Zahnstatus ohne die Benutzung einer Zahnbürste verändert. Die Nahrungsmittel ähneln den unsrigen Verhältnissen schon sehr, vor allem wird viel Cola getrunken, da diese vor Ort sehr günstig ist.“
Dr. Tobias Bensel vermutet hinter der unzureichenden zahnmedizinischen Versorgung in Tansania ein gesamtgesellschaftliches Problem. „Obwohl Tansania, politisch gesehen, zu den stabileren Ländern Ostafrikas gehört, ist die wirtschaftliche Lage keinesfalls mit finanziell stärkeren Ländern der Welt vergleichbar“, so der Zahnarzt. „Die wirtschaftlich potenten Teile der Erde sind in der Lage sich eine flächendeckende zahnmedizinische Versorgung zu leisten. Das trifft nicht auf Tansania zu. Das geringe Einkommen der Bevölkerung wird daher logischerweise für die Basis der Lebenshaltung ausgegeben. Zahnmedizinische Probleme werden eher rudimentär gelöst.“
Auch kritische Stimmen
Auch wenn diese Hilfsprojekte im Ansatz gut gemeint sind, wird oft befürchtet, dass solche Projekte möglicherweise eine Art Parallelversorgungen bedeuten können. Die meist kostenlosen Behandlungen könnten einheimische Zahnärzte überflüssig machen bzw. deren Lebensgrundlage entziehen. Der Projektbetreuer Dr. Christian Wegner kennt die Kritik und nimmt sie ernst: „Es ist sehr wichtig das Projekt diplomatisch anzugehen. Das heißt wir fahren nicht nach Njombe und erzählen den dortigen zahnmedizinischen Fachangestellten, wie alles anders und besser gemacht wird.“
„Wir wollen die Möglichkeit zur Weiterbildung geben und nicht selber behandeln und so den dort ansässigen Menschen nicht die Existenzgrundlage nehmen. Die zahnmedizinische Einrichtung vor Ort wird jedoch zusätzlich von der katholischen Kirche finanziert. Da in Njombe mit 40.000 Einwohnern nur diese beiden „Dentisten“ arbeiten, entfällt das Problem der Konkurrenz.“
„Die einheimischen Zahnmediziner stehen dem Projekt ebenfalls sehr aufgeschlossen gegenüber. Wichtig war für sie die Gleichberechtigung in unserem Projekt. Unsere Ziele wurden von Anfang an transparent dargestellt. Somit gibt es auch keine Grauzone, sondern eine echte Partnerschaft vor Ort. Die Kollegen in Njombe können sicherlich von uns lernen und ebenso können wir von ihrem differenziellen Erfahrungsschatz profitieren. Wir möchten mit unserem Projekt keinen „Extraktionstourismus“ durchführen, der von allen Seiten zu Recht argwöhnisch betrachtet wird. Dies wurde den Kollegen klargemacht und findet allseitige Anerkennung“, betont Dr. Christian Wegner.
Langfristiges Projekt
Zur Organisation des Projekts erklärt Dr. Tobias Bensel: „Pro Jahr sind zwei Einsätze geplant. Bei jedem Einsatz werden zwei bis vier Zahnmediziner vor Ort tätig sein, wobei mindestens eine approbierte Zahnmedizinerin bzw. approbierter Zahnmediziner die Gruppe anleitet. Die Begrenzung der Gruppengröße liegt zum einen in der Finanzierung der Reise, zum anderen in der Unterbringung und Versorgung vor Ort begründet. Mehr als vier Personen würden sich gegenseitig im Weg stehen. Wir streben an, bei jedem Einsatz einen Begleiter des letzten Einsatzes zu integrieren, damit vor Ort eine gewisse Kontinuität sichergestellt ist.“
„Die Gefahr, dass das Projekt nach wenigen Jahren ins Leere läuft, sehen die Projektverantwortlichen nicht. Dazu Dr. Christian Wegner: „Dieses Projekt ist auf viele Jahre geplant und keine einmalige Angelegenheit. Die Universität Halle-Wittenberg hat ein enormes Interesse an einer ständigen Zusammenarbeit, zumal der Hilfseinsatz im studentischen Behandlungskursus integriert werden soll. Es werden zudem wissenschaftliche Auswertungen parallel zu den Behandlungen vor Ort stattfinden, die in Deutschland zur Doktorarbeit reifen kann.“
Finanzierung und Unterstützung
„Das Kooperationsprojekt finanziert sich ausschließlich aus Spenden“, erklärt Dr. Christian Wegner zur Finanzierung. „Eine finanzielle Unterstützung durch die Universität kann nicht sichergestellt werden.“ Wenn Sie, die Leserinnen und Leser des Fachmagazins Dental Barometer, das Projekt in Tansania unterstützen möchten, können Sie das durch aktive Teilnahme tun und beim nächsten Hilfseinsatz im Februar 2012 in Njombe/Tansania dabei sein. Sie können aber auch Sachspenden leisten, die sich in einem Koffer transportieren lassen oder durch Spenden auf das Konto: Interessenvertretung Zahnmedizin Konto-Nr.: 5307517 BZL 86070024, Deutsche Bank Halle/Saale. Eine Spendenquittung wird ausgestellt.
Landesinformation
Das ostafrikanisches Land Tansania liegt am Indischen Ozean. Der nördliche Teil grenzt an Kenia und Uganda. Im Westen befinden sich Ruanda, Burundi sowie die Demokratische Republik Kongo. Die südliche Grenze Tansanias bildet Sambia, Malawi und Mosambik. In Tansania leben derzeit schätzungsweise 42 Millionen Menschen. Dar Es Salaam ist mit über drei Millionen Einwohnern die größte Stadt des Landes und gleichzeitig Regierungssitz. Die Hauptstadt Dodoma mit etwa 190.000 Einwohnern liegt im Zentrum Tansanias.
Tansania gehört, was seine Naturschönheiten und den Tierbestand betrifft, zu den attraktivsten Ländern des afrikanischen Kontinents. Hier befindet sich beispielsweise der größte Süßwassersee Afrikas, der Lake Victoria oder der Kilimanjaro, der höchste Berg Afrikas. Ebenso eindrucksvoll sind die Eastern Arc Moutains und das südliche Hochland. Der Ort des Projekts ist Njombe. Die Gemeinde liegt im südlichen Hochland Tansanias und ist Teil der Region Iringa. Njombe befindet sich in einer Höhe von etwa 1.900 Metern und hat schätzungsweise 20.000 Einwohner.
Das Kooperationsprojekt steht unter der Schirmherrschaft von Prof. Dr. med. dent. Jürgen Setz, Chef der Universitätspoliklinik für Zahnärztliche Prothetik der Martin-Luther-Universitat Halle-Wittenberg. Weitere Informationen unter
www.dentist-for-tanzania.com oder bei der Interessenvertretung Zahnmedizin bzw. Dentist for Tanzania, Dr. med. dent. Christian Wegner, E-Mail: zahndoktor@gmail.com

