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Ein „Reinigungsdragee“ für die Generation Zahnspange

Wirtschaftsminister Harry Glawe hat sich am Freitag in Parchim über das Verbundforschungsprojekt „Large Protection of Oral Health“ des Arzneimittelherstellers bmp, bulk medicines & pharmaceuticals production gmbh mit der Universitätsmedizin Greifswald informiert. Das Ziel des Projektes besteht darin, die Mundhygiene, insbesondere bei kleinen und jugendlichen Patienten mit erschwerten Bedingungen, nachhaltig zu verbessern und somit Krankheiten vorzubeugen.

Autor: Universitätsmedizin Greifswald

Ein 15-jähriges Mädchen mit Multiband-Multibracket-Apparaturen.

„Ein spannendes Vorhaben mit einem ganz praktischen Nutzen, an dessen Ende ein marktfähiges Produkt stehen soll. Hier arbeiten Wirtschaft und Wissenschaft effektiv zusammen. Das Know-how der Universitätsmedizin Greifswald und des Pharmaunternehmens wird in diesem Fall erfolgreich gebündelt. Wir wollen mit Unterstützung des Landes und der EU durch wissenschaftlich-technischen Fortschritt und mit innovativen Produkten zukunftsfähige Arbeitsplätze schaffen", sagte Glawe vor Ort. Das Projekt hat ein Gesamtvolumen von 1,1 Millionen Euro. Das Ministerium unterstützt das ambitionierte Vorhaben mit einem Zuschuss aus dem Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) in Höhe von 843.000 Euro.

Wenn die Mundhygiene leidet

Laut AOK stellen Zahnfehlstellungen und Kieferfehlentwicklungen für 40 Prozent aller Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 9 und 15 Jahren, zunehmend auch für Erwachsene, ein Problem dar. Je nach Grad der Fehlstellung können schiefstehende Zähne sogar krank machen, beispielsweise durch Fehlbelastungen der Kiefergelenke, unzureichende Zerkleinerung der Nahrung oder auch durch die eingeschränkte Mundhygiene. Mittels herausnehmbaren oder festsitzenden Zahnspangen können über einen längeren Zeitraum Korrekturen am Gebiss vorgenommen werden. Während die losen Zahnspangen zur Reinigung bzw. zum Zähneputzen herausgenommen werden können, geht dies bei den sogenannten Brackets nicht. Patienten mit Brackets benötigen für die Zahnhygiene nicht nur mehr Zeit, sondern auch spezielle Bürsten und Reinigungsgeräte, die in ihrer Anwendung mitunter nicht leicht zu handhaben sind. So leidet nicht selten bei der „Generation Zahnspange" die für die Vermeidung von Karies und Zahnfleischentzündungen notwendige gute Mundhygiene. Allein in Mecklenburg-Vorpommern gibt es tausende Bracket-Träger, in Europa mehrere Millionen, die durchschnittlich zwei Jahre mit den festsitzenden Zahnspangen behandelt werden.

Körpereigene Abwehrsysteme fördern

In Kooperation mit Zahnmedizinern, Naturwissenschaftlern und Hygienikern der Universitätsmedizin Greifswald forschen die Parchimer Experten in dem Verbundprojekt an einem Mundhygieneprodukt zur Unterstützung eines im Speichel natürlich vorhandenen Abwehrsystems.

Erkrankungen im Mund werden hauptsächlich durch Bakterien verursacht, die normalerweise mit anderen Bakterienarten in einem Gleichgewicht leben. Erst durch die Bildung von weichen Belägen in Form eines Biofilms (Plaque) kommt es zur Störung der Mundflora durch krankheitserregende Mikroorganismen. „Daher spielt die tägliche mechanische Biofilmentfernung durch das Zähneputzen eine elementare Rolle in der Vorsorge von Erkrankungen der Zähne (Karies) oder Entzündungen des Zahnfleisches (Gingivitis) und des Zahnhalteapparates (Parodontitis)", so der Greifswalder Zahnmediziner, Oberarzt PD Dr. Alexander Welk.

Mit den Produkten aus dem Forschungsvorhaben soll ein wirksamer Ausgleich geschaffen werden für Bracket-Träger, die ihre Zähne nur unter erschwerten Bedingungen mechanisch reinigen können. Ziel ist die gemeinsame Entwicklung eines geeigneten Zahnpflegeproduktes, das die in der Mundhöhle natürlich vorkommenden antimikrobiell wirksamen Enzymsysteme im Speichel unterstützt. In Form von Lutschdragees soll das körpereigene Abwehrsystem gestärkt und die Bildung eines schädlichen Biofilms schon im Vorfeld verhindert werden. Studien haben belegt, dass eine funktionierende und natürliche Mundflora maßgeblich den Gesundheitsstatus positiv beeinflusst.

„Unsere Aufgabe besteht darin, durch grundlegende Untersuchungen die entsprechenden Inhaltsstoffe herauszufiltern und damit die Basis für ein neuartiges Zahnpflegemittel zu schaffen und dessen antibakterielle Wirksamkeit nachzuweisen", erläuterte der Greifswalder Chemiker PD Dr. Harald Below. Dabei wollen die Wissenschaftler das in der Mundhöhle natürlich vorhandene LPO-System nutzen. Dahinter verbirgt sich ein Enzymsystem (LPO = Lactoperoxidase), das einen antibakteriell hochwirksamen körpereigen Stoff produziert und damit für die biochemische Steuerung der Balance im Mund verantwortlich ist.

Das LPO-System als Bestandteil des angeborenen Immunsystems kann schädliche Bakterien in der Schleimhaut wirksam neutralisieren. Dieses Wirkprinzip wurde ursprünglich bereits Anfang des vorigen Jahrhunderts in der Milch entdeckt. Analoge Enzymsysteme kommen in allen Körperschleimhäuten, auch im Mund vor. Seit Anfang der 90er Jahre wird versucht, eine Reihe von Zahnpflegeproprodukten auf der Basis des LPO-Systems auf dem Markt zu etablieren, die auf ein größeres Potenzial schließen lassen. Die Neuheit der Parchim-Greifswalder Kooperation soll in seiner nachweislichen Aktivierung der Enzymtätigkeit sowie in seiner erstmaligen Einnahme als Lutschdragee liegen. Diese Form der trockenen Anwendung soll eine stabile und vorbeugende Enzymaktivität garantieren.

Parchimer Firma wagt den Schritt in die Forschung und Entwicklung

In dem Verbundprojekt ist die Parchimer bmp, bulk medicines & pharmaceuticals production gmbh für die Galenik verantwortlich, das heißt für die pharmazeutische Technologie, die für die Herstellung eines neuen Zahnpflegeproduktes auf der Basis des Lactoperoxidase-Enzymsystems notwendig ist. „Dabei muss gewährleistet werden, dass Haltbarkeit, Reinheit, Gehalt und Identität des Wirkstoffes durch den Herstellprozess, Verpackung und Lagerung erhalten bleiben", erklärte die bmp-Projektverantwortliche, Dr. Yvonne Jäschke. Das Unternehmen hat bereits erste Musterrezepturen und Tablettierungen nach den Greifswalder Vorgaben getestet. „Die EU-Verbundforschung des Wirtschaftsministeriums ermöglicht uns den Einstieg in die eigene Produktentwicklung und die Perspektive, in einem Zukunftsmarkt zu wachsen", so Jäschke.

Dem Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde an der Universitätsmedizin Greifswald obliegt es, in klinischen Studien die Wirksamkeit des neuen Lutschdragees nachzuweisen. „Noch in diesem Jahr sollen die ersten Untersuchungen mit Probanden starten", kündigte Oberarzt PD Dr. Alexander Welk an. Hierbei werden auch die individuellen Speichelenzymsysteme in Bezug zur Zahnmundgesundheit analysiert. „Unser Anliegen ist es, mit den neuen Lutschdragees in einem ersten Schritt die Mundhygiene bei Patienten mit festsitzenden kieferorthopädischen Geräten zu unterstützen. Darüber hinaus könnten sich vielfältige weitere Anwendungsbereiche in der Medizin und Zahnmedizin ergeben."

Hohe EU-Förderung auch in der neuen Förderperiode

Für die Förderung von Forschung, Entwicklung und Innovation in Mecklenburg-Vorpommern standen in der EU-Förderperiode 2007-2013 Mittel in Höhe von insgesamt 155 Millionen Euro aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) und dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) zur Verfügung. Davon wurden bis Ende 2013 bereits 152,2 Millionen Euro gebunden. Mit diesen Geldern konnten bisher 813 Projekte gefördert werden, davon 390 Verbundforschungsprojekte mit einem Fördervolumen von 100,1 Millionen Euro.

In der kommenden Förderperiode 2014–2020 wird Mecklenburg-Vorpommern aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung nicht mehr zu den schwächsten Regionen, sondern zu den Übergangsregionen der EU gehören. „Dies führt dazu, dass unserem Land in der neuen Förderperiode weniger Mittel aus den EU-Strukturfonds zufließen. Wir werden die Forschungs- und Entwicklungsförderung dennoch auf einem hohen Niveau weiterführen", erklärte der Wirtschaftsminister. „Somit bestehen auch künftig optimale Rahmenbedingungen, die Erfolgsgeschichte der seit 2007 eingeführten Verbundforschung, der Zusammenarbeit von Unternehmen und Forschungseinrichtungen, in MV fortzuführen." Glawe appellierte an die Partner in Wissenschaft und Wirtschaft, die Chancen der EU-Förderung aktiv zu nutzen und sich so Standortvorteile für die Zukunft zu sichern.

www.medizin.uni-greifswald.de

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